Grafik: Flagge Deutschland.



17.06.2017

Zum Tod von Dr. Helmut Kohl

Kaster: Sein Traum von Europa ist in meiner Heimat spürbar Realität

Im Alter von 87 Jahren ist gestern der große Europäer Helmut Kohl verstorben. Ohne sein Wirken ist die deutsche Einheit nicht vorstellbar, ohne seinen unermüdlichen Einsatz für den Einigungsprozess wäre das europäische Projekt nicht soweit fortgeschritten. In meinem Heimatbundesland, in Rheinland-Pfalz, besonders in den Grenzregionen zu Frankreich und Luxemburg, wird Helmut Kohl ganz besonders als der große überzeugte Europäer in Erinnerung bleiben. Den Satz "Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten einer Medaille" verkörperte er so authentisch und überzeugend wie kein anderer. Zu überzeugen und Vertrauen zu schaffen waren seine Stärke.

Tausende im Bann seiner Vision von Europa

Und er wusste diese Stärke auch einzusetzen. Unvergessen für mich, wie er mit seinem Charisma viele Menschen auf großen Plätzen und in großen Hallen für sich gewinnen konnte. Ich erinnere mich an Tausende Menschen vor der Porta Nigra in Trier oder der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz, die er mit seinen europäischen Visionen in den Bann zog. In vielen gemeinsamen Auftritten mit Jean-Claude Juncker entfachte er Begeisterung für die europäische Idee.

Helmut Kohl war ein Politiker, der wusste, welche große Bedeutung das Wort Frieden hat. Geprägt durch den Verlust seines Bruders Walter, der 1944 im Zweiten Weltkrieg fiel, setzte er sich mit Herz und Beharrlichkeit für Ausgleich und Versöhnung ein. Als Rheinland-Pfälzer wusste er genau, wie gerade die Grenzregionen zu Frankreich oder Luxemburg über Jahrhunderte unter kriegerischen Auseinandersetzungen gelitten hatten.

Kohl hatte die Gabe, Vertrauen zu schaffen

Der Ausbau der deutsch-französische Freundschaft war ihm deshalb ein Herzensanliegen. Unvergessen ist das Bild von ihm und François Mitterrand auf dem Soldatenfriedhof in Verdun. Beide Staatsmänner, in stillem Gedenken, Hand in Hand, durch die gegenseitige Anteilnahme tief verbunden. Ein starkes Symbol der Menschlichkeit.

Helmut Kohl hatte die große politische Gabe, als Politiker und Staatsmann Vertrauen zu schaffen. Aus persönlichem Vertrauen zu ihm entstand internationales Vertrauen. Deutschland wurde besonders in Europa dadurch als verlässlicher Partner gesehen. Ohne dieses durch ihn verkörperte Vertrauen wäre die deutsche Einheit in diesen damals rasanten Schritten sicher nicht möglich gewesen.

Kohl ging den Weg des Kompromisses

Ohne Helmut Kohl hätte auch die Europäische Union sicher nicht an Tiefe gewonnen; ohne ihn hätte es den Euro, der mehr ist als nur eine Währung, nicht gegeben. Für Helmut Kohl war es immer ein Anliegen, dass sich die Staaten Europas auf Augenhöhe begegnen konnten – unabhängig von geographischer Größe, Bevölkerungszahl oder Wirtschaftsleistung.

Bei den kleineren Ländern war er darum hochgeschätzt. Ja, Abstimmungsprozesse werden dadurch langwierig, erfordern ein Höchstmaß an Kompromissbereitschaft. Am Ende steht aber ein belastbarer Konsens. Auch kleine, langsame Schritte führen einem Ziel näher.

70 Jahre Frieden in Europa – auch dank ihm

Heute schauen wir auf eine über 70 Jahre andauernde, weitgehend friedliche Entwicklung in Europa. In der Ukraine, auch ein Teil Europas, müssen wir aber leider kriegerische Auseinandersetzungen beobachten.

Mitglieder der Europäischen Union, wie Lettland, Litauen oder Estland fühlen sich militärisch bedroht. Das europäische Vermächtnis von Helmut Kohl sollte uns daher gerade heute wieder Auftrag sein, den Kern der europäischen Idee, Frieden in Europa zu schaffen, in den Mittelpunkt zu stellen.

Warum ich Helmut Kohl ewig dankbar sein werde

Meine Heimat ist Trier. Luxemburg und Frankreich liegen direkt nebenan. Die Region war daher über lange Zeiträume durch militärische Auseinandersetzungen geprägt. Heute wird hier Europa gelebt. Die Menschen überqueren – schon fast unbewusst – täglich die Staatsgrenzen. Alle profitieren vom kulturellen, wirtschaftlichen und persönlichen Austausch. Dass dies sich so entwickelt hat, liegt auch am Wirken Helmut Kohls. Dafür bin ich ihm tief verbunden und werde ihm ewig dankbar sein.

Stand: 17.06.2017

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